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"Friedenskultur im Stresstest" - ARTIKEL

Publiziert auf Einladung der Stiftung für integrale Politik im Magazin Spuren

Wir leben in einer Zeit der Erschütterung und Zersplitterung. Viele Menschen sind angeschlagen, viele Beziehungen auch. Was ist es, das uns zusammenhält, als Familie, als Gesellschaft und als Weltbevölkerung? Was sagt die aktuelle Situation über uns aus und welche Chancen birgt sie für jede und jeden Einzelne:n von uns?


Ein Weckruf

In der Schweiz ist zu beobachten, wie die Monate seit Beginn der Pandemie an unserer Gesellschaft, an unserem Zusammenhalt und an unserer Demokratie zehren. «Ein Virus verwandelt die Willensnation in einen Ort der Feindschaft und Nulltoleranz», titelte die NZZ Ende August. Seither hat sich die Unversöhnlichkeit noch weiter verstärkt. Fronten verhärten sich. Parallelwelten entstehen. Der Hauptfokus der Debatte und der Massnahmen liegt auf den gesundheitlichen Aspekten der Krise, während praktisch keine Massnahmen erkennbar sind, um die negativen Auswirkungen auf den sozialen Zusammenhalt zu mindern. Krisen machen Missstände sichtbar und die jetzige führt uns vor Augen, dass es schlecht steht um die Friedenskultur in der Schweiz. Gleichzeitig sind Konflikte die besten Katalysatoren für Veränderungen, und ich sehe ein grosses Potenzial, dass uns diese Krise nicht schwächer macht, sondern uns aufweckt. Ein Weckruf, den die Schweiz so dringend braucht, um uns daran zu erinnern, dass Frieden nicht eine Errungenschaft ist, sondern ständige Pflege braucht. Dass Frieden etwas sehr Zerbrechliches ist, etwas Hochkomplexes, etwas, das immer wieder erstaunlich schnell aus dem Gleichgewicht geworfen wird.


Ein Forum für gelebte Friedenskultur

Aus dem Verständnis heraus, dass Frieden auch in der Schweiz mehr proaktive Pflege braucht, habe ich letztes Jahr zusammen mit einer Gruppe von Menschen mit unterschiedlichstem Hintergrund den Verein Forum für Friedenskultur gegründet. Unsere Vision ist es, dass schweizweit eine aktive Friedenskultur gelebt wird, die alle Lebensbereiche, Sektoren und Departemente sowie gesellschaftlichen Gruppen einschliesst. Eine Friedenskultur, die sich ausdrückt in friedensförderndem Denken und Handeln im Privaten, im Unternehmerischen, im Bildungswesen, in den Medien und im öffentlichen Raum.


Friedenskultur hat viele Facetten. Ziel des Forums ist es nicht, diese zu definieren, sondern zu deren Diskussion anzuregen. Für mich beinhaltet Friedenskultur erstens aktives Zuhören und dass wir uns mehr vom Interesse an anderen als vom Urteilen über andere leiten lassen. Zweitens, dass Frieden ein kreativer und lebendiger Prozess ist, der immer wieder Vorstellungskraft und Mut erfordert, Neues zu denken und zu wagen und Brücken zu schlagen. Drittens bedingt Friedenskultur eine Kultur der Achtsamkeit sich selbst und anderen gegenüber und die Bereitschaft, sich selbst kritisch-konstruktiv zu beobachten. Und nicht zuletzt betrachte ich Friedenskultur für mich als einen kollektiven und identitätsstiftenden Auftrag, den wir gemeinsam gestalten und der uns zusammenhält.


Friedenskultur in Zeiten von Corona

Was bedeutet Friedenskultur in Zeiten von Corona? Was braucht die Schweiz, um zurückzufinden zu Gesprächskultur und Zusammenhalt, zum Interesse an der Auseinandersetzung mit Andersdenkenden, an der Vielfalt, an der Dissonanz? Durch meine Ausbildung im Bereich der Friedensmediation und durch meine zahlreichen Reisen in Konfliktgebiete beschäftige ich mich intensiv mit der Entstehung von Konflikten und mit ihren Auswirkungen. Betrachtet man die Veränderungen in unseren Beziehungen durch das Prisma der Konfliktforschung, können folgende Grundkomponenten einer Eskalation erkannt werden:


1. Identität:

Die Identitätenvielfalt wird auf eine Identität reduziert (Haltung bzgl. Massnahmen). Das bedeutet, dass die zahlreichen Konfliktlinien, die eine gesunde Gesellschaft ausmachen, auf eine reduziert werden, während die anderen Konfliktlinien (Klimamassnahmen, Frauen-Männer, Politik- Wirtschaft usw.) in den Hintergrund treten. Es werden neue Begriffe eingeführt («Geimpfte» vs. «Ungeimpfte»), die diese Identitäten verfestigen.


2. Spaltung:

Es gibt nur noch zwei Kategorien (entweder dafür oder dagegen), der Graubereich löst sich auf, man ist nun gezwungen, sich auf die eine oder andere Seite zu stellen (man kann nicht halb geimpft sein). Jede und jeder weiss von jedem, «zu welcher Seite sie oder er gehört». Parallel dazu nimmt die Dialogbereitschaft ab, da die Legitimität der anderen Meinung angezweifelt oder ihr gar das Existenzrecht abgesprochen wird. Der andere befindet sich nun ausserhalb des «Konsenses», ausserhalb der Debatte und ausserhalb der Gruppe, mit der man sich solidarisch zeigt.


3. Projektion:

Um die eigene Position zu stärken und zu rechtfertigen, wird das Gute auf die eigene Seite und das Schlechte auf die andere Seite projiziert (beides sind Projektionen, die immer weniger mit der Realität und vor allem der Ursache des Konflikts zu tun haben). Die andere Position kann praktisch nicht mehr nachvollzogen werden (das Hirn filtert Informationen entsprechend der vorangegangenen Konditionierung, man stuft alle Aussagen der eigenen Seite als plausibler ein). Ein Wechsel der Seiten ist nicht mehr möglich (Ego, Ruf, Druck der Gemeinschaft usw).


4. Schuldzuweisung:

Der Eindruck entsteht oder wird konstruiert, dass der andere Schuld ist am eigenen Leid. Es werden Sündenböcke gesucht und gefunden (Wegen der Ungeimpften sind die Spitäler überlastet, werden mehr Menschen krank, dauert alles viel länger. Wegen der Befürworter werden unsere Grundrechte verletzt, werden unverantwortliche Massnahmen zum Zwang, die Menschen krank machen, und dauert alles viel länger). Man selbst sieht sich als Opfer (euretwegen dürfen wir nicht ins Restaurant, euretwegen müssen wir Masken tragen).


5. Ausschlussprinzip:

Wir finden nur eine Lösung, wenn wir den anderen respektive seine Haltung loswerden. Der andere (nicht mehr das Virus) wird als Ursache des Problems wahrgenommen. Ist er weg oder passt er sich mir an, haben wir kein Problem mehr. Gemeinsam ist eine Lösung nicht mehr denkbar.


Beobachten, Widerstand leisten, lernen

Das Erste und wohl Wichtigste, was wir in der aktuellen zunehmenden Verhärtung tun können, ist, uns immer wieder selbst zu beobachten, ob sich Elemente der oben beschriebenen Gedankengänge bei uns einschleichen. Spaltungsprozesse sind schleichende Prozesse. Sie gehen einher mit der Normalisierung von Sprachgebrauch und von Verhalten, die einem noch vor Kurzem fremd waren (z. B. das Ausweichen bei Themen oder der Abbruch von Kontakt).


Zweitens gilt es, wenn man solche Prozesse bei sich, in seinem nahen Umfeld oder am Arbeitsplatz beobachtet, diese wenn möglich anzusprechen. Mit der Betonung, dass einem die Beziehung wichtiger ist als die Haltung zu Corona oder dass man besorgt ist um das Arbeitsklima. Unsere Kreativität ist gefordert, um schnellstmöglich der Normalisierung solcher Prozesse entgegenzuwirken. Wir sind aufgefordert, den Mut zu haben, aktiven Widerstand zu leisten – nicht gegen andere Menschen, sondern gegen Spaltung, Hass, Entfremdung.


Drittens ist jeder Konflikt auch ein Geschenk, das wir nicht ungenutzt lassen sollten, sondern uns der Frage stellen könnten, was uns die Krise sagen will und was die tatsächlichen Ursachen unserer Konflikte und unserer Gereiztheit sind. Wir können Dinge erkennen, die im Unbewussten der Gesellschaft oder von uns als Einzelperson liegen, die zu lange aus Harmoniebedürfnis unter den Teppich gekehrt wurden und deren Aufarbeitung uns ein grosses Stück friedlicher und resilienter machen würde.


Friedenskultur langfristig verankern

Nicht zuletzt bietet die aktuelle Situation den Anlass, sich zu fragen, wie wir Gesprächs-, Dialog- und Friedenskultur längerfristig proaktiv und präventiv pflegen könnten, um auf nächste Krisen vorbereitet zu sein. Vielleicht brauchen wir

  • ein neues Departement für Frieden (wie dies die Stiftung für integrale Friedensförderung fordert)?

  • eine interdisziplinäre «Arbeitsgruppe Frieden» mit staatlichen, zivilgesellschaftlichen und wissenschaftlichen Vertreterinnen und Vertretern, die gemeinsam eine Strategie für Frieden und Sicherheit ausarbeiten?

  • ein Nationales Kompetenzzentrum für Konfliktlösung und Dialog?

  • ein Schulfach zum Erlernen und Üben gewaltfreier Methoden?

  • einen Friedensdienst als Alternative zum Militär- und Zivildienst?

  • Leitlinien für einen polarisierungshemmenden Journalismus?

  • Und vielleicht wäre es ein Anfang, wenn im Krisenstab des Bundes auch Expert:innen der zivilen Konfliktbearbeitung (und der Psychologie und der Soziologie) vertreten sind, um vielschichtige Krisen, wie die aktuelle, auch vielschichtig zu analysieren und entsprechend ganzheitlichere Entscheidungen zu treffen.


Das Unheilvollste wäre sicher, wenn wir uns nach der Krise wieder in unsere Schein-Sicherheit und unseren Schein-Frieden zurückflüchten. Das Heilsamste wäre es, wenn wir die Krise nicht als Problem betrachten, sondern als Chance für die Entwicklung von resilienten, verantwortungsvollen, achtsamen, friedensorientierten und konfliktfähigen Beziehungen.

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