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"Frieden fordern" - VORWORT

Publiziert als Vorwort zum Jahresbericht 2021 des Forums für Friedenskultur


Seit wir mit der Planung des Ilanzer Sommers begonnen haben, hat sich vieles verändert. Der Begriff der Friedenskultur hat rasant an Bedeutung und Dringlichkeit gewonnen: Sei es auf internationaler Ebene, wo geopolitische Spannungen und Bedrohungen näher an Europa herangerückt sind, sei es vor unserer Haustür, wo gesellschaftliche Gräben sich auftun, von deren Möglichkeit wir nichts geahnt hatten oder aber in unseren eigenen vier Hauswänden, wo enge Beziehungen auseinanderbrechen und die Fälle von häuslicher Gewalt in die Höhe schnellen.


"Solange es keinen gibt, der Frieden fordert, wird es keinen Frieden geben", postulierte Georgi Vanyan. Ich denke in letzter Zeit oft an ihn, den langjährigen Friedensaktivisten, mit dem ich im letzten Sommer, 10 Monate nach Kriegsende und wenige Monate vor seinem Tod durch Armenien reisen durfte. Mit Vanyan ist eine wichtige Friedensstimme erloschen. Die globale Stimme für Frieden ist praktisch verstummt –  war verstummt, bis vor wenigen Wochen die russische Invasion in der Ukraine unsere Gesellschaft aufgerüttelt hat. Plötzlich ist das Bewusstsein wieder da, das Bewusstsein für die Zerbrechlichkeit von Frieden. Wir dachten, dass er uns garantiert sei, dass wir ihn einmal für immer errungen hatten. Doch nun haben wir einen erneuten Beweis, dass dies nicht der Fall ist und dass innert kürzester Zeit Gewalt ins Unermessliche eskalieren kann. Wir leben in einer Situation, in der mich Bekannte aus der Ukraine nicht mehr fragen, wie wir ihnen aus der Not helfen könnten, sondern welche Strategie die Schweiz hat, um ihre Bevölkerung vor einer atomaren Katastrophe zu schützen.


Ich weiss es nicht. Aber ich weiss, dass wir alles daran setzen müssen, dass es nicht so weit kommt und dass wenn Kriege einmal losgetreten sind, es keine schönen Auswege mehr gibt. Es wird mit jedem Tag hässlicher. Deshalb ist die Friedenspflege so wichtig. Das heisst alles, was wir tun können, um Krieg und Gewalt zu verhindern, bevor sie Realität werden.

Dazu reicht es nicht, gegen den Krieg zu sein. Es braucht eine pro-aktive Pflege. Frieden ist ein hoch komplexes Phänomen. Beim Forum für Friedenskultur bieten wir Raum, um Friedenskompetenzen zu üben und Friedensfragen zu diskutieren. Gemeinsam mit Ihnen und vielen anderen engagierten Menschen in der Schweiz wollen wir ihn zurückholen, diesen Friedenswillen, diese Friedenssehnsucht, diese Forderung, das Friedens-Versprechen in unseren Referenzdokumenten wie der Schweizer Verfassung und der UNO-Charta einzulösen.


Wir rufen auf zu einer konsequenten Gewaltfreiheit in unserem persönlichen Alltag, in unseren Gesellschaften, beim Demonstrieren, am Arbeitsplatz und in unseren internationalen Beziehungen. Bevor wir mit dem Finger auf die anderen und ihre verpassten Verpflichtungen zeigen, wünsche ich uns allen, immer wieder, bei uns selbst anzufangen und uns zu fragen, wo wir mehr Friedenspotential haben und was uns daran hindert, dieses auszuleben.


Ich bedanke mich für Ihre Unterstützung und Ihre Zeit, diese Forderung nach Frieden hörbar und sichtbar zu machen, jede und jeder auf seine Art und ich lade Sie herzlich ein, dieses Engagement gemeinsam mit uns weiterzutragen, um so unserer Vision von einer Friedenskultur in der Schweiz und darüber hinaus ein Stück näher zu kommen.


Lea Suter, Präsidentin Forum für Friedenskultur


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