• Lea Suter

BLUEWIN: "Es muss gelingen, dass alle Parteien ihr Gesicht wahren" - INTERVIEW

Mein Interview mit Bluewin.

Es ist wieder Krieg in Europa. Putins Angriff auf die Ukraine hat der Friedensordnung nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als nur einen Rückschlag versetzt — und damit auch jenen, die ihr Leben dem Frieden auf der Welt widmen.

Die Pazifistin Lea Suter engagiert sich seit Jahren für den Frieden und bereist für ihr Projekt Peace Prints Konfliktgebiete in aller Welt.

Zur Person
Lea Suter war unter anderem bei der UNO in Genf und in diversen Bereichen der Schweizer Aussenpolitik tätig, war 2020 Mitinitiantin des Forums für Friedenskultur und hat 2021 die Ausbildung in Friedensmediation absolviert. Dabei lässt sie vor allem jene Menschen zu Wort kommen, die von der Gewalt am meisten betroffen sind. Sie besuchte 2018 auch die Ukraine und berichtete unter anderem von einer lokalen Friedensinitiative im Donbas. Wir haben mit ihr gesprochen.

Frau Suter, Sie reisen für Ihr Projekt Peace Prints als Friedensaktivistin regelmässig in Kriegsgebiete. Was treibt sie an?


Menschen kennenlernen zu dürfen, die den Mut und die Kraft haben, trotz durchlebter Gewalt an die Gewaltfreiheit zu glauben. Menschen, die einen Ausweg suchen aus der Gewaltspirale und die sich dabei nicht von Wut, Hass und Schmerz, sondern von einem Friedenswillen leiten lassen.

Was wir in der Ukraine sehen, ist schockierend. Wie gehen die Menschen vor Ort mit solch traumatisierenden Erlebnissen um?


Momentan ist das für alle Beteiligten und ihre Angehörigen der Horror. Längerfristig müsste man sicher differenzieren. Ich mache die Erfahrung, dass Menschen sehr unterschiedlich mit Krisen umgehen. Es bleibt für mich eines der grossen unergründlichen Rätsel, wie Resilienz funktioniert, obwohl die Forschung einiges dazu herausgefunden hat. Manche Menschen zerbrechen an Rückschlägen, andere werden dadurch erst richtig stark und emanzipieren sich. Ich habe gerade im slawisch geprägten Raum immer wieder einen sehr starken Zusammenhalt wahrgenommen. Wenn man ein Problem hat, sind Freunde und Familien füreinander da, viel stärker als in der Schweiz, wo man sämtliche Hilfe an Institutionen delegiert hat, man sich gegenseitig nicht mehr «braucht». Dieses durch diverse Krisen genährte Grundverständnis, füreinander da zu sein dürfte ihnen auch jetzt helfen, die schreckliche Situation auszuhalten, ohne etwas romantisieren zu wollen. Ich wehre mich dagegen, Menschen aus Kriegsgebieten nur als Opfer darzustellen. Natürlich sind sie Opfer der Gewalt, aber gleichzeitig sind sie uns oft Lichtjahre voraus in ganz vielen Dingen.

Stehen Sie in Kontakt mit Aktivist*innen in der Ukraine? Was berichten diese?


Immer mal wieder. Aber man muss auch wissen, dass die ihre Kräfte jetzt für anderes brauchen als mit Menschen im Ausland zu telefonieren.

Sie sagen, Russland und der Ukraine müsse es so einfach wie möglich gemacht werden, aus dem Krieg auszusteigen. Was stellen Sie sich vor?


In der Konfliktlösung ist ein Schlüsselelement die «Gesichtswahrung». Es muss gelingen, den Ausstieg aus dem bewaffneten Konflikt so zu gestalten, dass alle Parteien ihr Gesicht wahren können, sonst werden sie nicht auf Verhandlungen einsteigen, respektive erst dann, wenn die Schmerzgrenze erreicht ist und bis dahin gibt es viel zu viele Menschenopfer. Die Demütigung eines Staatsoberhaupts und seines Landes ist diesbezüglich sicher nicht förderlich. Man weiss aus der Geschichte, dass Demütigung grosses Gewaltpotential hervorbring, zum Beispiel die Demütigung Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg. Die Art, wie ein Krieg beendet wird, entscheidet zu grossen Teilen darüber, wie lange dieser Frieden anhält. Eine friedenslogische Haltung könnte sein, wenn westliche Mächte ihre eigenen Fehler in den letzten 30 Jahren als Erste zugeben. Das bedeutet nicht, etwas zu rechtfertigen, nachzugeben oder eigene Werte aufzugeben. Im Gegenteil, es bedeutet aus dem Schwarz-Weiss- oder Feind-Wir-Denken, das einer Gewaltlogik zugrundeliegt, auszubrechen und von der Konkurrenz in Kooperation überzuwechseln. Wir haben noch sehr viel Zeit nach Konfliktende, Präsident Putin zu beschuldigen. Was wir jetzt dringend brauchen, ist ein Ende des Blutvergiessens und dabei kommt man mit gegenseitigen Anschuldigungen nicht weiter. Dies gilt für alle Seiten.

Länder wie Deutschland, aber auch Dänemark wollen ihre Wehretats drastisch erhöhen: Wie lässt sich ein neuerlicher Rüstungswettlauf in Europa noch vermeiden?


Die Aufrüstung ist kein neuer Trend, auch die Doomsday Clock, die das Risiko eines Nuklearkrieges misst, war schon vor einem Jahr auf einer Minute vor 12. Die Rüstungsausgaben erreichten im Corona-Jahr 2020 ein Rekordhoch seit 1988, davon 40 Prozent durch die USA. Was schon ist, lässt sich schwer verhindern. Aber es braucht die Erkenntnis, dass die bisherige Sicherheitsstrategie versagt hat, man ganz neue Wege einschlagen muss und nicht dieselben Fehler von früher nochmal begehen sollte.

Die weltweiten Rüstungsausgaben dürften dieses Jahr einen weiteren Rekord erreichen. Ist die Friedenspolitik gescheitert?


Vor allem ist die Sicherheitspolitik gescheitert, die dachte, dass es keine Friedenspolitik braucht. Ohne Frieden keine Sicherheit.

Der Angriffskrieg von Putin hat die europäische Friedensordnung auf den Kopf gestellt. Wie könnte eine solche in Zukunft aussehen?


Mir scheint es wichtig, dass Organisationen wie die OSZE und die UNO eine stärkere Rolle erhalten. Die UNO ist nach wie vor die einzige Institution, in der sich 193 Länder begegnen. Das ist ein Erfolg und eine Chance. Auch wenn das Ansehen der UNO gerade in einer Krise ist, muss das ja nicht immer so bleiben.
Wenn man die Milliarden, die in die Rüstung und Verteidigung fliessen, in die UNO fliessen liesse, würde das schon ganz anders aussehen. Für sämtliche 12 laufenden Friedensmissionen stehen der UNO etwa sechs Milliarden US-Dollar zur Verfügung, also gleich viel wie das VBS jährlich zur Verfügung hat. Da muss man sich nicht wundern, dass viele Friedensbemühungen wenig Erfolg haben. Also ganz klar eine Umverteilung von Rüstung hin zu Friedensförderung und Gewaltprävention.

Sie plädieren dafür, Russland in die europäische Sicherheitsstruktur aufzunehmen. Was genau meinen Sie damit?


Russland und die Ukraine gehören kulturell und geografisch zu Europa. Europa kann nur sicher sein, wenn Russland auch sicher ist und sich sicher fühlt. Es gab Bemühungen für eine gemeinsame Sicherheitsarchitektur, leider erodierten diese, gemeinsam mit einer schrittweisen Entfremdung zwischen Ost und West. Viele Chancen wurden verpasst von beiden Seiten. Es braucht einen Neustart. Wir brauchen uns gegenseitig, wir sind Teil desselben Systems, ob uns das gefällt oder nicht. Und in dieser Logik müssen wir vorgehen, wir müssen nach einer gemeinsamen Lösung suchen, so schwer uns das gerade fällt.

Hat sich Putins Russland mit seiner Invasion nicht längst aus einem Dialog verabschiedet?


Nein. Es gibt keine Alternativen zu Verhandlungen.

Welche Auswirkungen wird der Angriffskrieg Putins auf die Friedensbewegung haben?


Offenbar hat der Angriff Menschen wachgerüttelt und dazu gebracht, sich zum Frieden Gedanken zu machen. Es ist wieder ins Bewusstsein gerückt, dass Frieden nicht garantiert ist. Das ist eine Chance. Andererseits frage ich mich: Es gibt über 30 laufende bewaffnete Konflikte weltweit, einer menschenverachtender, brutaler und sinnloser als der andere. Warum gibt es auf diese nicht die gleiche Reaktion? Das kommt etwa bei Personen in Kriegsgebieten ausserhalb von Europa sehr schlecht an, die sich einmal mehr als niedrigere Klasse vorkommen müssen. Auch deshalb ist es mir wichtig, dass eine Friedensbewegung nicht eine Welt ohne Putin – oder ohne Russen – fordert, sondern eine Welt ohne Krieg. Mein Verständnis von einer Friedenshaltung ist, dass wir Taten verurteilen, nicht Personen oder Länder, auch wenn das zumal eine Herausforderung ist, gerade in diesem Kontext.

Die Schweiz hat in gewisser Hinsicht den Pfad der Neutralität verlassen und sich den Sanktionen der EU angeschlossen. Welchen Beitrag kann die Schweiz zum Frieden in Europa und der Welt leisten?


Mit Sanktionen gegen die Führungselite, die den bewaffneten Konflikt zu verantworten hat, verletzt die Schweiz ihr Neutralitätsrecht nicht. Die Schweiz geniesst international einen sehr guten Ruf und wird als vertrauensvoll und kompetent wahrgenommen, das hat sich nicht geändert. Die offizielle Schweiz oder andere Schweizer Akteure würden immer noch als Vermittlerin in Frage kommen und ich würde dies sehr begrüssen.

Ausserdem wäre es wünschenswert, dass die Schweiz im eigenen Land für mehr Friedenskultur sorgt. Gerade die Corona-Krise hat aufgezeigt, wie wenig Kompetenzen vorhanden sind um konstruktiv mit Konflikten innerhalb der Gesellschaft umzugehen. Deshalb wäre es lohnenswert, die Erkenntnisse aus der internationalen Friedensarbeit in den Schweizer Kontext zu übersetzen. Frieden fängt immer bei sich selbst an.