Der Auslöser

January 11, 2017

Bevor ich wusste, wo Tripoli auf der Landkarte liegt, sah ich dieses Bild.

 

Ich wollte noch gar nicht loslegen mit meinem Projekt. Aber dann war da dieses Bild und diese Geschichte, die es fertig brachte, dass ich in knapp zweieinhalb Wochen eine Reise ans andere Ende des Mittelmeers plante in eine mir völlig unbekannte Kultur.

 

Mein erster Berührungspunkt mit Libanon war die Schweizer Botschaft, genauer genommen ein Gespräch mit dem Schweizer Botschafter in Beirut, das aber schon einige Monate zurücklag. In einer Flut von Informationen, hatte er unter anderem “Café culturel à Tripoli” fallen lassen. Libanon sei ein ausgezeichneter Ausgangsort für meine Suche nach Geschichten zu Frieden und Kultur, ich solle mich unbedingt melden, falls ich mich für die Reise entscheide.

 

Als ich im November mein Notizbuch durchblättere, stosse ich wieder auf den Eintrag und kann ihn knapp entziffern. Ohne allzu grosse Erwartungen (kulturelle Cafés gibts ja wohl überall auf der Welt) wende ich mich an Google, und zu meiner grossen Freude, waren einige Informationen dazu im Netz zu finden, sogar auf Englisch.

 

Die Geschichte faszinierte mich sofort: Mitten in der Stadt auf einer ehemaligen Frontlinie zwischen zwei Quartieren entsteht ein Café. Ein Pionier-Café. Auf völlig unfruchtbarem Boden und ohne Artgenossen. Mit diesen spärlichen ersten Infos erwacht auch meine Neugierde und wehe wenn sie losgelassen…

 

Ab diesem Moment geschah alles sehr schnell: Erster Kontakt über Facebook, unzählige Audio-Nachrichten (das scheint die Lieblings-Kommunikationsform im Libanon), "jaja, unbedingt vorbeikommen!" - die enthusiastischen Stimmen aus einer anderen Welt, einige Gespräche mit Reportern und Bewohnern der Region (kann man denn überhaupt nach Tripoli fahren, auch wenn vom EDA abgeraten wird). Visum? Flug? Wohnung? Ja und dann war da noch das Schweizer Fernsehen (Kulturplatz), das ich mit meinem ins Wasser gefallenen Griechenlandprojekt bereits einmal versetzt hatte. Wie, Libanon? Ja. spannend! Können wir Sie begleiten? Natürlich, unbedingt! Aus einer Reise mit mir alleine, wird eine Reise mit Igor, aus einer privaten Reise eine Reise, die medientauglich sein muss. Kann man denn da überhaupt filmen? Keine Ahnung. Sieht schlecht aus, meint Igor, heikel. Sondergenehmigungen und so. Aber er kümmert sich ja darum. Meine Aufgabe ist es, dass wir in den vier Tagen die Orte wirklich besuchen können und die Personen vor die Kamera kriegen. Die Antworten wie “irgendjemand ist immer da” und “es passiert immer etwas Kulturelles” sind nicht wirklich beruhigend.

 

Aber ich pokere. Und vertraue darauf, dass auch ohne die Schweizerische Planungsversessenheit gute Dinge entstehen. FB, Whatsapp, Skype und Mail laufen auf Hochtouren. Das Team der NGO March, die das Projekt des Cafes lanciert haben, sind so unglaublich aufgestellt und hilfsbereit, dass ich keinen Moment ans Verschieben des Projektes denken mag, was eigentlich im gegebenen Kontext (Stellenübergabe, Wohnungsabgabe, Umzug, Totalabsturz des Komputers, anstehende Jahresplanung, Weihnachten…) das Natürlichste gewesen wäre. Wie ein Sog zieht es mich in die “Schweiz des Orients”. Bevor ich irgendetwas zu Ende gedacht hatte, war schon Abflugtag und mein erstes Treffen mit dem besagten Igor vom Schweizer Fernsehen stand bevor.

 

Ja, kennst du den? Nein. Wie du fliegst mit einem unbekannten Mann in den Libanon? Ja, über Telefon klingt er nett... Kennt er den Libanon? Nein, wir fliegen beide zum ersten Mal in diese Region. Und keiner kann Arabisch? Richtig. Und was hat das mit dem Schweizer Kulturplatz zu tun? Ich finde, man sollte die Schweiz nicht so eng fassen und ich glaube, die Redaktionsleitung sieht das ähnlich.

 

Mal seh'n ob, ich mich auf meine Intuition verlassen kann.

 

Goldiger Empfang in der Hauptstadt, Islam und Christentum dicht aneinander gedrängt:

 

 

Dann die erste Probe im Libanon: So kalt hatte ich mir das Land nicht vorgestellt. Nach den angeblichen zehn Grad nachts fühlte sich das überhaupt nicht an in meinem Zimmer. Schlotternd liege ich unter Daunenjacke, Wintermantel und in sämtlichen Kleidern und kriege kein Auge zu. Das Fenster lässt sich leider nicht schliessen. Es zieht fürchterlich. Am Morgen liegt so was wie Tau auf meinem Handy. Internet gibts nicht, also eigentlich schon, aber nicht zwischen 6 und 9 Uhr, und ja warm Wasser auch nicht.

 

Dabei war ich eigentlich um 9 auf der Botschaft verabredet. Aber ich finde keine Wechselstelle und bei den Bankomaten funktionierte meine Karte nicht. Woher also ein Taxi nehmen ohne Geld? Eine Stadtkarte war auch nicht zu finden und bei all ihrer Freundlichkeit, wo die Schweizer Botschaft liegt, wussten die Beiruter nun wirklich nicht schon gar nicht die Taxifahrer. Das war das kalte Bad. Trotzdem entstand an diesem ersten Tag nach zwei schlaflos verbrachten Nächten (die Nacht davor war ich am packen) eine wunderbares Gespräch mit dem Schweizer Botschafter (siehe Blog) zu Frieden und Kultur.

 

Drei Tage später flog schliesslich Igor ein, ohne Kameramann. Zu kompliziert, er macht alles selber, VJ also (Videojournalist). Kannst du das? Also, so habe ich das noch nie gemacht. Er ist ja so ehrlich! An Neuanfängen mangelt's wirklich nicht auf dieser Reise. Aber das macht sie eben so reizvoll, alles ist möglich, alles ist neu.

 

Nun gehts zu zweit los durch die Quartiere von Beirut, ins Büro von March, wo Mohammed und Zeinab uns so warm begrüssen, dass man gar nicht anders kann, als sie einfach in's Herz zu schliessen.

 

 

Wir verirren uns in den Strassen und enden doch immer irgendwo, wo es uns gefällt und wo uns kein Reiseführer hingeführt hätte. Wir lassen uns leiten von Fahnen (“die ist etwas schwarz, ich glaube, da sollten wir nicht durch”) und Falafel-Empfehlungen. Wir werden beschenkt von Menschen, die uns nicht kennen, unterhalten uns mit sämtlichen Verkäufern und landen in irgendwelchen Hinterhöfen. Und bei all dem versucht Igor mich im Bild zu behalten, was ziemlich anstrengend sein muss in einer Stadt, in der der Verkehr sehr chaotisch organisiert ist, die Trottoirs vollgeparkt sind, die Autos aus allen Richtungen kommen könnten (und es auch tun) und die Strassen mit Nummern (anstatt Namen) versehen sind, die man wiederum auf der Strassenkarte nicht finden kann.

 

Völlig verirrt, aber man fühlt sich willkommen:

 

 

Leckere Zwischenhalte: 

Pause im Park: 

Verstanden haben wir uns leider nicht, aber schön war die Begegnung trotzdem:

Und dann ist auch schon Dienstagmorgen und es geht los Richtung Tripoli: Eine eineinhalb stündige Busfahrt der wunderschönen Meeresküste entlang. Das Meer in allen Blautönen. Es regnet ununterbrochen. Mir war von meinen Airbnb-Mitbewohnern schon vorgeschwärmt worden: Es gibt Regen! Zehn Tage! Meine Freude fiel dabei bedeutend gemässigter aus, aber angesichts der überschwänglichen Freude der Leute um mich (Taxifahrer, Fahrkartenverkäufer, Passagiere, alle hatten nur das eine Thema) holte ich etwas Zweckoptimismus hervor und dachte mir, ja dann freu ich mich für sie, es scheint hier sonst wirklich sehr, sehr trocken zu sein.

 

Sowieso bin ich viel zu gespannt auf Tripoli, um an etwas anderes zu denken. Ich kann mir auch nach Recherchen und Gesprächen ziemlich wenig darunter vorstellen. Und trotz Zuversicht, habe ich keine Ahnung, was uns dort erwartet. Was, wenn jetzt doch niemand im Café ist?

 

 

 

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